
- Nahaufnahme einer 50-Euro-Banknote - blacktom1 / sxc.hu
Vor allem das Kapital als finanzielles Mittel entscheidet darüber, ob sich eine Wirtschaft entwickelt, in Stagnation oder Rezession verfällt. Die momentane Schuldenkrise in der Eurozone ist da nur ein weiteres Beispiel für eine seit Beginn der Marktwirtschaft funktionierende Wahrheit: Wenn Geld und Finanzmittel bedroht sind, werden Konsum und Investition durch ein starkes Sparbedürfnis ersetzt. Und je stärker die Länder miteinander finanziell verflochten sind, desto globaler und schwerwiegender sind die Folgen eines finanziellen Einbruchs in einem wirtschaftlich wesentlichen Teil der Welt. Das ist ein Nebeneffekt der Globalisierung, die durch den internationalen Kapitaltransfer am stärksten angetrieben wird.
Kapital als Produktionsfaktor
Wirtschaftliche Produktion gibt es nicht ohne den Einsatz von Produktionsfaktoren, denn in der realen Wirtschaft kann aus nichts auch nichts erstellt werden. In der Volkswirtschaftslehre unterscheidet man traditionell drei Produktionsfaktoren: Boden, Arbeit und Kapital (in der modernen Version noch Wissen bzw. Technologie). Ein Feld (Boden) wird durch den Menschen (Arbeit) bestellt und der Mensch benötigt dafür Werkzeuge (Sachkapital), die jedoch zuerst finanziert werden müssen (Geldkapital). Das ist natürlich nur ein sehr vereinfachtes Beispiel für das Verhältnis Produktionsfaktoren – Produktion, es lässt aber schon zwei wesentliche Gesetzmäßigkeiten erkennen: erstens, während Boden und Arbeit gegeben sind, muss das Kapital in beiden Formen (Sach- und Geldkapital) erst einmal gewonnen werden, und zweitens, ohne den Einsatz von Kapital wären die Möglichkeiten des Menschen sehr beschränkt.
Internationaler Kapitaltransfer
Kapitalgewinn wird durch allgemeine wirtschaftliche Liberalisierung und den Abbau von Transferbeschränkungen auf globaler Ebene erleichtert. Das bezieht sich aber auch auf die Produktionsfaktoren Arbeit und Technologie. Wenn es in einem Land an Finanzmitteln, Arbeitskräften und Wissen fehlt, so kann nach jenen Faktoren außerhalb der eigenen Grenzen gesucht werden. Wenn es hierbei keine Einschränkungen gibt, spricht man vom freien internationalen Kapital-, Arbeits- und Technologietransfer. Dieser bildet beispielsweise die Grundlage für die Existenz des Gemeinsamen Marktes der Europäischen Union. Länder locken Investoren und Arbeitskräfte - meistens Fachleute - aus anderen Ländern an, kaufen Patente, Lizenzen, Technologien ein. So sieht die Praxis aus. Die „Lockmittel“ für Investoren bzw. Kapitalgeber können natürlich unterschiedlich aussehen, in der Regel geht es aber um bessere Gewinnmöglichkeiten.
Formen des internationalen Kapitaltransfers
Kapital wird in Form von Direktinvestitionen, indirekten Investitionen und internationalen Krediten exportiert.
Ausländische Direktinvestitionen sind Kapitalinvestitionen in bereits bestehende oder neu - eben durch diese Investitionen - geschaffene Auslandsunternehmen. Das Kapital wird investiert, um die Unternehmen zu kontrollieren – das heißt die Mehrheit der Anteile oder Aktien zu besitzen, langfristig Gewinne und andere Vorteile zu erzielen. Unternehmen entscheiden sich für diese Investitionsform, wenn sie ihren Absatzmarkt vergrößern wollen, nach billigeren Arbeitskräften suchen oder sich andere Vergünstigungen, beispielsweise Steuervergünstigungen erhoffen. Der direkte finanzielle Gewinn ist hier nicht die primäre Motivation, zumindest nicht in der kurzfristigen Perspektive. Als aktuelles Beispiel für eine Direktinvestition ist die Übernahme des polnichen Versicherungsunternehmens TUiR Warta durch die Talanx AG, die Nummer drei auf dem deutschen Versicherungsmarkt, zu nennen.
Indirekte Investitionen, auch Portfolioinvestitionen genannt, sind Kapitalanlagen in ausländische Wertpapiere mit dem Ziel, eine höhere Rendite als im eigenen Land zu erhalten. Investiert wird vor allem in Aktien und Anleihen, ausschlaggebende Motivationen sind höhere Zinssätze und manchmal niedrigere Risiken, vor allem wenn das Finanzsystem des eigenen Landes durch Instabilität gefährdet ist bzw. wenn die eigene Volkswirtschaft eine schwächere Kreditwürdigkeit (Bonität) aufweist. Krisen, wie zum Beispiel die Schuldenkrise in der Eurozone, bewirken, dass Investoren nach sogenannten "sicheren Häfen" für ihr Kapital suchen und statt in risikoreiche Aktien vor allem in Anleihen von Staaten investieren, deren wirtschaftliche Lage als gefestigt und krisenfest gilt. Deutschland und Polen sind hierfür gute Beispiele.
Internationale Kredite dienen in erster Linie der Vorbeugung und Bewältigung von schwierigen wirtschaftlichen und finanziellen Lagen eines Landes, wie Stagnationen oder Rezessionen. Man spricht in diesem Fall von Staatskrediten, die von Staaten und internationalen Organisationen (beispielsweise Weltbank oder Internationaler Währungsfond) an andere Staaten vergeben werden. Der Kapitalgewinn spielt dabei keine oder eine sehr geringe Rolle. Man denkt hier vor allem an langfristige wirtschaftliche Vorteile, wie zum Beispiel der Erhalt der Zahlungsfähigkeit eines sich in der Krise befindenden Staates. Nicht erst die gegenwärtige Krise in der Eurozone hat offenbart, wie schnell Volkswirtschaften an laufender Liquidität und Existenzgrundlage verlieren können.
Zu internationalen Krediten zählen auch Handelskredite, die unter Unternehmen und Banken im Rahmen der normalen Geschäftstätigkeiten vergeben werden.
Neueste Trends
Der internationale Kapitaltransfer ist eine der Hauptsäulen der Globalisierung, er wird von ihr aber auch gleichermaßen beeinflusst. Und so verschiebt sich in Krisenzeiten der Schwerpunkt von Direkt- und Portfolioinvestitionen, die nicht mehr in das Konzept „Sparen und Risiko beschränken“ passen, zu unterstützenden internationalen Krediten. Langfristig ist jedoch keine Abschwächung des bisherigen Trends zu erwarten. Ganz im Gegenteil, Unternehmen und sogar Privatinvestoren werden immer gewagter die Grenzen des eigenen Landes überschreiten, um auf der ganzen Welt ihre Vorteile zu suchen.
